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Gestern auf dem Weg zum Kindergarten lag plötzlich mitten auf dem Weg etwas Kleines, Braunes. Wir stiegen vom Rad und schauten es uns näher an – es entpuppte sich als kleiner Schmetterling, offenbar vom Nachtfrost dahingerafft, er lag zwischen Scherben und eiligen Tritten mitten auf einer höchst belebten Einkaufsstraße, ein Flügel hatte offenbar bereits unter den Füßen eines Passanten gelitten. Oder beim Sturz? Zu früh, kleiner Schmetterling, dachte ich betrübt, und auch der Kleine war sehr betroffen – er schaute den Winzling an, den ich mit gebotener Behutsamkeit aufgehoben hatte, und fragte mit größter Besorgnis, ob der Schledderding wirklich ganz und gar tot und kaputt sei. „Aber er hat sich doch dewegt!“, sagte er noch, aber ich hatte bis auf das Wehen der Fühler im Wind nichts gesehen.

Wir haben den Schmetterling mitgenommen, weil ich mir dachte, so eine Gelegenheit findet sich für Stadtkinder ja nicht mehr so oft – ich sehe hier nur noch wenige Schmetterlinge, vor zehn Jahren waren es noch deutlich mehr. Mein vertrödelter Kleiner brauchte eine ganze Weile zum Umziehen. Und da, auf einmal, entfaltete sich der Schmetterling auf meiner Hand und bewegte den Kopf. Offenbar hatte er nur im Kälteschlaf gelegen … an einem der ungünstigsten Orte, die sich nur denken lassen.

Die Kinder waren ganz beschwingt von solch einem Wunder, ich habe den Schmetterling jedoch nur sehr zögerlich wieder nach draußen gebracht, um ihm einen geschützten Platz zu suchen. Es war ja immer noch sehr frisch an diesem Märzmorgen. Und der Flügel war beschädigt. Und wer weiß, welche Beschädigung ich bei aller Vorsicht noch hinzugefügt habe, als ich ihn aufgehoben, dem Kleinen in die vor Ehrfurcht zitternde Patschehand gelegt und dann wieder in meine eigene genommen habe? Kurzum, ich glaube, das Wunder war von sehr kurzer Dauer. Irgendein Vogel wird sich gefreut haben. Vermutlich wäre es gnädiger gewesen, den Schmetterling einfach zu töten. Das habe ich dann aber nicht fertiggebracht. Natürlich musste ich an Shakespeare denken:

Der arme Käfer, den dein Fuß zertritt, fühlt körperlich ein Leiden ganz so groß, als wenn ein Riese stirbt.

Ich habe mich schon oft gefragt: Stimmt das? Ich bin unbedingt dafür, der lebenden Kreatur so freundliche Gefühle wie möglich entgegenzubringen und ihr so wenig Leid wie möglich zuzufügen (Mücken und Motten und Flöhe, ich bitte um Verzeihung, werden mich vermutlich für eine entsetzliche Psychopathin halten, ich bin da nicht ganz konsequent). Ich bin dafür aufgrund unseres Unwissens: Wir wissen nicht, was das jeweilige Geschöpf empfindet, je unähnlicher sein Nervensystem dem unseren ist, desto weniger. Wenn ich aber eventuell Schmerzen und Leid vermeiden kann, dann will ich das tun. Bei diesem kleinen Schledderding aber hat sich doch wieder gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen lebendem Geschöpf und lebendem Geschöpf doch sind – ein für tot gehaltenes Eichhörnchen hätte ich sicher nicht zum erbaulichen Anschauungsunterricht in den Kindergarten mitgeschleppt, einen zu meiner großen Überraschung wieder zum Leben erwachten, aber schwer verletzten Hund nicht mit besten Wünschen und leicht beflecktem Gewissen draußen ausgesetzt, auf gut Glück. Wie fremd sie uns sind, diese kleinen Flatterdinger, deren Anblick so vertraut ist. Wie hat er wohl diesen seinen letzten Ausflug erlebt, was hat er wahrgenommen, wie empfindet so ein winziges Hirn die Sinneseindrücke, die es von der Welt empfängt?

Fragen, die ich stellen, aber nicht beantworten kann. Und bei der Suche nach einem passenden Foto für diesen langen, bildlosen Text – ich habe nur so ein Kannnixhandy und fast nie einen Fotoapparat dabei – gewann die ganze Begegnung, die ja an und für sich so klein war wie der Schmetterling selbst, auf einmal einen Hauch von Wucht, einen winzigen Anflug epischer Tragweite, eine ganz und gar eigenartige Schicksalhaftigkeit. Ich wusste nämlich sofort, dass ich jetzt endlich das Bild vom Winterschmetterling benutzen konnte, das ich so mag. Dabei beweist es nur, dass ich im Sommer meine Balkonkästen verlottern lasse, wenn mir Blumen verdurstet sind, und dann die bemoosten Kästen bis zum nächsten Frühling und neuen Bepflanzungsversuch stehen lasse. Dem Winterschmetterling hat es gefallen – er saß eines Morgens dort, mit ausgebreiteten Flügeln, und wartete auf die Sonne.

Ich habe aufs Aufnahmedatum geschaut. 7. März 2007. Auf den Tag genau sieben Jahre vor unserem Frostschmetterling also.

Möge dem Schmetterling im März 2021, den ich jetzt mit großer Zuversicht erwarte, ein schöneres Schicksal beschieden sein als dem kleinen Kollegen gestern.

schledderding